Quer denken    Schätze heben e.V.

Geschichte

Der Startschuss zur Gründung des Vereins war ein Gespräch an Ostern 2014, in dem Johanna Haarer Thomas Gottschlich mitteilte, dass es ihr Wunsch sei, einen Verein zu finden, der ihre Haltung zur Pädagogik und zur Unterstützung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen wiederspiegelt und weiterführen wird.

Dieser Verein wurde daraufhin am 27.07.2014 in Adenbüttel gegründet.

Hier noch einige Gedanken, die Johanna Haarer uns für unsere Webseite im Januar 2015 zukommen ließ:

Die vitalsten Jahre meines Lehrerdaseins verbrachte ich an einem Internat, wo, angeblich die „bösen Buben“ Baden–Württembergs waren. Die Schüler dort waren denkbar unangepasst und wirkten dabei höchst lebendig. Für mich waren sie hochinteressant; zeigten sie mir doch mein „ungelebtes Leben“. Eine lineare Erziehung wäre ihnen nicht gerecht geworden, und Nachhilfestunden als einzige Förderung, konnten sich kontraproduktiv auswirken. Unsere Internatler hatten alle Arten von Lernstörungen und waren gleichzeitig erfindungsreich bis genial. Sie mussten sich um Denkblockaden herum manövrieren und somit „quer“ denken – und die Lehrer infolgedessen auch, um sie abzuholen. Quer denken hilft, im bestehenden intellektuellen Denksystem vernachlässigte Nischen aufzuspüren und von dort aus auf ungewöhnliche Lösungen zu kommen. Am Internat herrschte ein intensives Miteinander; auch den Lehrern, als möglichen Bezugspersonen, rückten die Schüler nah auf die Pelle, sie wollten wissen, wer man wirklich war. Es war für ihre Orientierung im Leben unabdingbar.

Ein Vorteil der geografischen Lage des Internats war, dass wir weit abseits in einer urigen Landschaft angesiedelt waren, – und da gab es keinerlei Ablenkungen. Ich erinnere mich an einen Schüler, der in der Freizeit Filme drehte; „Menschenmaterial“ hatte er in Fülle, die zahlreichen Mitmacher besidelten die benachbarten Moore mit abenteuerlichen Aktivitäten. Meine Musik AGs boten auch Abwechslung. Ich erlebte, dass die Eltern eines Schülers ungehalten waren, weil er an fünf musikalischen Arbeitsgemeinschaften teilnahm. Sie waren der Meinung, er sollte sich lieber um seine Fünfen in Französisch und Mathematik kümmern. Bei manchen unserer Schutzbefohlenen hatte ich das Gefühl, dass sie diese AGs „brauchten“. Musik bringt emotionale Vielfalt, fördert vernetztes Denken, erhöht die soziale Kompetenz und dient der Ich–Stärkung. Außerdem bring sie Spaß. Meine Schottischtanzgruppe war beliebt. Einige der besten Sportler machten mit (und genierten sich nicht mal einen Kilt zu tragen). Die zum Teil komplizierte Choreographie förderte Konzentration, Orientierung im Raum, und die gesprungenen Tanzschritte trugen sehr erfreulich zu einer aufrechten Körperhaltung bei. Alles in rasantem Tempo; wenn einer der Tänzer rechts und links verwechselte, so endete das ganze in einer „massenkarambolage“, was bei den Problem zu allgemeiner Heiterkeit beitrug.

Quer denken eröffnet eine große Vielfalt. Wenn man zum Beispiel nur die Natur betrachtet, die linear und quer alles an Möglichkeiten ausschöpft: Unter den Rosengewächsen mendelten sich heraus, der Mandelbaum, der Apfel, die Birne, die Aprikose und viele andere eigenständige Arten. Genauso ist es mit uns Menschen. Über verschiedene Gene wird eine solch unglaubliche Varietät an Kindern geboren. Jedes ist einmalig – und die Lehrer (und die Therapeuthen) stehen bewundernd vor dem Geheimnis eines jeden individuellen Lebens.

Johanna Haarer verstarb am 13.01.2016.